Sonntag, 13. Dezember 2009

Wissenshunger oder was auch immer

Noch keine drei Stunden bin ich wieder in Matagalpa, da höre ich schon zarte Kinderstimmen vor meiner Haustür; es sind David und Anibal, die in ihren zweimonatigen Ferien nichts besseres zu tun haben, als um das Haus ihrer Professoren zu schleichen und zu kichern.
Wir unterhalten uns und sie strahlen mich an, es regnet, die Weihnachtsgirlanden unserer Nachbarn lassen ihre Augen aufleuchten.
Und, wie sind die Ferien so?, frage ich.
Langweilig, kommt es mir schnell entgegen.
Langweilig?
Ja.
Aber besser als Schule,
sagt David und kichert. Ich muss daran denken, dass er eines dieser Kinder ist, die kein wirkliches Zuhause, keine richtige Familie, haben.
Fehlt euch der Englischunterricht?, frage ich, mehr aus Spaß, weil man mit Profe Barbara ja auch scherzen können soll ... und weil ich selbst sowas von froh bin, dass ich momentan nicht vor Klassen stehen muss, und englische Phrasen von mir gebe. Oder auch nur die Namen von Früchten.
Dieses Mal ist es Anibal, der mir antwortet - und mich überrascht.
Si, sagt er.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen und lache.
Okay, sage ich, wollt ihr Montag vorbei kommen, zum Englischlernen?
Sie strahlen mich wieder an. Und morgen um zwei kommen sie vorbei. Zum Englischlernen.
Was tue ich hier?
Ich schenke ihnen noch zwei Snickers, sie freuen sich, als wäre schon Weihnachten.
Gracias, profe, gracias, el lunes, a las dos!
Nicht vergessen.
Klar doch. Ich werde da sein.
Verrückte Welt.

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Was es heißt, zu gehen

Mit knapp zwanzig Jahren Lebenserfahrung habe ich mich entschlossen, ab Sommer 2009 für ganze zwölf Monate nach Nicaragua zu gehen; dass es geklappt hat, hatte ich zwischendurch nicht wirklich gedacht; aber dass ich nun, Anfang Juli, so kurz vor der Ausreise stehe und meine Schulzeit einfach so an mir vorbei gegangen ist - das ist noch weniger zu begreifen. Ich werde natürlich an diesem Zustand nichts ändern können und freue mich tatsächlich wahnsinnig auf die Zeit in Mittelamerika. Bisher haben sich meine Auslandserfahrungen auf den europäischen Raum begrenzt; am 23. Juli geht es jedoch los in ein Land, von dessen Existenz ich zuvor zwar wusste, aber an das ich doch zugegeben wenig gedacht habe - und das ich geographisch als Abiturientin "drüben" eingeordnet habe.

Innerhalb eines Jahres werden sich mein Weltbild, meine geographischen und kulturellen Kenntnissen verschieben, neu ordnen. Ich werde einen Teil der Welt kennen lernen, der von Armut, Korruption, Drogen und der Hoffnung auf Besserung bestimmt wird, - aber genau so von Gastfreundlichkeit, Freude am Leben und an dem wenigen, das man hat.

Ich verlasse meine Heimat, ohne zu wissen, was Heimat eigentlich ist.

Natürlich werde ich wiederkommen - jedenfalls gehe ich stark davon aus -, aber die Entwicklung, die ich in diesem Jahr vollziehen werde, ist jetzt noch gar nicht abzusehen. Es fällt leicht, über all diese Dinge an einem warmen, geheizten Ort (im Winter) zu schreiben, wenn man von all dem umgeben ist, das man zum Leben braucht. Wie es tatsächlich in Nicaragua aussieht, was sich tatsächlich hinter dem Wort Armut verbirgt und was man als Europäer tun kann oder tun muss, werde ich erst in einem Jahr wissen. Dieser Blog ist daher zweierlei: einerseits eine Informationsstation, die allen, die es interessiert oder auch nur zufällig hierher stolpern, Eindrücke meines Lebens in Nicaragua schildern soll; andererseits eine Gedankenkiste, in der ich all das verarbeiten und mitteilen kann, was ich hier erlebe; im Großen und Ganzen ist es dabei auch ein Beitrag meinerseits, um eine Welt, die unglaublich verknüpft ist und die denkbar unvorstellbar von der Technik und dem Fortschritt profitiert, zu ermöglichen, die sich in all der Schnelllebigkeit auch noch gegenseitig versteht und zuhört.